Warum ich kein Lichtarbeiter mehr bin – Teil 1

Hier könnte sich van Veen etwas abschneiden! Wir beschäftigen uns später damit, aber: es lohnt sich.

Übersetzung: Patrizia

Anm.: Es folgen zwei Vorworte von D von Removing the Shackles und Brian Kelly

http://www.removingtheshackles.blogspot.ca/2013/08/why-i-am-no-longer-light-worker-part-i.html

Cameron … ich kann dir gar nicht genug danken für diesen WUNDERBAREN Artikel! Und ein GROSSES Dankeschön an Brian, der mich gebeten hat, dies „SOFORT“ zu lesen. Dieser Artikel fasst so viele Dinge zusammen, über die ich gesprochen habe, Gedanken, die ich seit Monaten versucht habe zu vermitteln.

Bitte verbreitet diesen Artikel weil er um die Welt gehen muss. DIES könnte tatsächlich die Botschaft sein, die die Illusion von Uns versus Sie, Hell versus Dunkel und Gut versus Böse erschüttert. Bitte lest dies mit einem offenen Herzen und einem freien Verstand. Hier geht’s nicht um Trennung. Es geht um Einheit.

Liebe

D

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Spritztour in die esoterische Welt des Peter Lambertus van Veen

1766 rechnete Immanuel Kant mit dem schwedischen Esoteriker Emanuel Swedenborg ab. 250 Jahre später könnte er glatt wieder von vorne beginnen: Die angeblich ach so sachlichen Deutschen haben sich zu einem Volk der Yogis, Astrologen und Heilsteinleger gewandelt. Laut einer Emnid-Umfrage glauben 57 % der Bevölkerung an Hellseherei, 42 % an Magie und 33 % an die Wirkung von Flüchen. Konkreter lässt sich dies am finanziellen Erfolg der Branche ablesen, der 2011 ca. 25 Milliarden Euro ausgemacht haben soll. Als Vergleich: der Umsatz von Internetpornographie soll im gleichen Jahr bei 30 Milliarden Euro gelegen haben. Es lässt sich die These aufstellen: Männer schauen Pornos, Frauen treiben derweil Esoterik. Wir werden darauf zurückkommen.

Einem solch gewaltigem Umsatz angemessen, ist der Grad an Professionalität, der in der Branche herrscht. Es gibt ganz selbstverständlich Fach- und Publikumsmessen, wie die Messe Lebensfreude in Hamburg, die fünfstellige Besucherzahlen aufweisen kann. Für die schlicht und treffend titulierte „Esoterikmesse“ stehen für das Jahr 2017 bereits 14 Termine in Deutschland und Österreich fest. Auf der Homepage wird die Mannigfaltigkeit des Angebots beworben. Dies illustriert bestens die Heterogenität dessen, was wir mit dem Schlagwort Esoterik zu bezeichnen pflegen.

Beispiele für Produkte:

„Amulette, Aromaöle, Asiatika, Auraphotographie, Aura-Soma, Aura-Chakra-Analysen, Ayurveda, bioenergetische Produkte, Bücher, Duftöle- und Duftlampen, Didgeridoos, Engelbilder, Edelsteine, Essenzen, Energie- und Schutzamulette, Edelsteinschmuck, Feng-Shui Produkte, gesundheitliche Produkte, Himalayasalz, indianisches Kunsthandwerk, Klangspiele, Kristalle, klassische Klangschalen, Kräutermischungen, Kristallklangschalen, kolloidales Gold und Silber, lebende Hölzer, Lichtwesenessenzen, magische Öle und Gewürzmischungen, Meditationsmusik, Magnetfeldtherapie, Nahrungsergänzungen, Naturkosmetik, Ohrkerzen, Pendel, Pyramiden, Räucherwerk, Reisen, Runenorakel, Ruten, Salzkristalllampen, spirituelle Kunst, Steinheilkunde, Symbolschmuck, schamanische Produkte, Tachyonen, Tarotkartendecks, therapeutische Musikinstrumente, Traumfänger, vegetarische Spezialitäten, Weihrauch, Wellnessprodukte, Windspiele, Zimmerbrunnen…“

Beispiele für Dienstleistungen:

„Aktivierung von Selbstheilungskräften, Astrologie, Channeling, Chakraanaylsen, Energie- und Lichtarbeit, Entsäuerung, Entschlackung, Familienstellen, Geistiges Heilen, Handlesen, Horoskope, Infos über Indigokinder, Irisdiagnose (Augenlesen), Jenseitskontakte, Karmaanalysen, Klangmassage, Massagen, mediale Lebensberatung, NLP (Neurolinguistisches Programmieren), Numerologie, Partnerzusammenführung, Lesen aus der Palmblattbibliothek, Radiästhesie, Reiki, Reinkarnationstherapie, Rutengehen, Schamanismus, Schrift- und Namensanalysen, Seminarangebote, Synergetik-Therapie, Tarotberatungen, TCM (traditionelle chinesische Medizin), tibetische Medizin, verschiedene Yoga- und Meditationsmethoden, Wasseraufbereitung…“

Ein weites Feld. Deshalb wollen wir uns heute mit einem zufälligen Esoteriker beschäftigen, der uns als Idealtypus des Esoterikunternehmers dienen kann.

 

„Der hermetische Weg“ des Peter Lambertus van Veen

Auf der Startseite der Homepage begrüßen uns direkt eine ganze Reihe von beliebten esoterischen Motiven: Oben geht die Sonne im Gebirge auf oder unter, darunter ein Ouroboros, also eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt, vor einem Dolch, ein Caduceus (Hermesstab) und ein Buddha. Dieser symbolische Eklektizismus ist nicht zufällig gewählt: Der „hermetische Weg“ ist eine Weltanschauung, die sich bewusst als das Ergebnis mehrerer Synthesen versteht. Folgen wir ihren Spuren, indem wir uns mit der Autobiographie des Meisters beschäftigen.

Buddha statue at Po Lin monastery Lantau island Hong Kong. Bright light source in hand.
Quelle: http://www.der-hermetische-weg.de

1951 geboren, machte van Veen sein Abitur, um danach nach Indien zu gehen. An esoterischen Fragen war er früh interessiert, er ging als eifriger Yogi nach Indien, gerüstet mit dem Wissen, das er aus seinem Studium der „wichtigsten esoterischen Bücher“ gewonnen hatte. Allein, er setzte sich nicht in ein Flugzeug, sondern trat seine Heldenreise erst einmal in Griechenland an, um von dort über die Türkei, Persien und Pakistan nach Indien zu gelangen. Nach einem obligatorischen Besuch des Himalajas gelang es ihm, in mehreren Ashrams aufgenommen zu werden, doch das wollte er dann doch nicht. In einem Teehaus schließlich hörte er, was sein weiteres Leben beeinflussen sollte. Die Episode ist in seinem Selbstbild sehr wichtig. Umso bezeichnender ist es, dass er hier geschickt die Klage eines ehemaligen Offiziers darüber erwähnt, dass es Gurus gegeben habe, „die den Westen bereisten und die, wie er betonte, schlicht und einfach Betrüger sein.“ Vor falschen Propheten muss man sich hüten. Zum Glück konnte ihm der nützliche Offizier i. R. noch den Kontakt zu einem wahren Heiligen vermitteln. Das erste Gespräch mit diesem war wohl nicht so beeindruckend, aber direkt an das zweite kann sich van Veen nicht mehr erinnern:

„Als ich am nächsten Morgen in meinem Hotel aufwachte, versuchte ich mir den vorigen Abend in Erinnerung zu rufen. Mir wurde klar, dass ich, kurz nachdem der alte Mann weggegangen war, die universelle Einheit (Om) erfahren hatte, wobei ich mir nur noch den Anfang dieser gewaltigen Erfahrung vergegenwärtigen konnte. Weiter erinnerte ich mich, nach meiner »Rückkehr aus der Einheit« in den Tempel gegangen zu sein und lange mit dem alten Mann gesprochen zu haben. Aber worüber wir gesprochen haben, wusste ich nicht mehr. Das Einzige, woran ich mich erinnerte war sein letzter Satz.“

Mit seiner Erinnerung an den Abend war auch seine Artikulationsfähigkeit verschwunden. Drei Tage konnte er kein Wort sprechen. Damit befindet sich van Veen in bester Gesellschaft, heißt es nicht im Koran, dass Allah dem Propheten Zacharias für drei Tage die Sprache nahm als Zeichen seiner Allmacht? Und war nicht auch der Saulus drei Tage blind, bevor er zum Paulus werden konnte?

Danach kehrte van Veen zurück nach Europa, heiratete seine Gattin, die heute als „Reiki-Meisterin“ und „Transformationstherapeutin nach Robert Betz“ reüssiert, und begann ein bürgerliches Leben. Allein, seine spirituelle Reise ging weiter:

„Seit meiner Rückkehr aus Indien 1977 habe ich die verschiedensten esoterischen, spirituellen und ganzheitsmedizinischen Systeme studiert, um einen Universalschlüssel zu finden. Vor ungefähr 22 Jahren fand ich in einem Buch über christliche Mystik den ersten Teil dieses Schlüssels.“

Leider erfahren wir nicht, um welches Buch es sich handelt, klar wird aber, dass nun westliche Tradition mit dem bisher typisch indischen Denken verbunden wird. Verwendet, so führt er aus, habe er diesen „Schlüssel“ nur einmal, „weil das Ergebnis ein regelrechter Schock war.“ Also musste eine weitere Erkenntnispause eingelegt werden, bis zehn Jahre später das nächste Element entdeckt und integriert wurde, diesmal die Alchemie. Damit nun konnte er sein Erlebnis verstehen und nach weiterem Studium – „die Analyse vieler mystischer Texte“ – auch bewältigen:

„Das Kennenlernen der drei Schlüsselteile, ihre Anwendung und schließlich ihre Beherrschung sind Teile eines Prozesses, den ich den hermetischen Weg nenne.“

Ein neuer Meister ist geboren, eine Methode, die „schnell zur Transformation und Heilung“ führt, der Welt geschenkt.

HermesTrismegistusCauc
Quelle: Englische Wikipedia

Freilich hat der „hermetische Weg“ wenig mit der „hermetischen“ Tradition, die sich auf Hermes Trismegistos beruft, zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine esoterische Weltanschauung, die weitgehend auf indischen Konzepten beruht. Im Mittelpunkt darin steht die sogenannte „Kundalini-Kraft“, die im Yoga und Tantra eine große Rolle spielt. Man muss sie sich als eine Art ruhende Energie vorstellen, die ihren Ort am Ende der Wirbelsäule jedes Menschen hat. Dort ruht sie und wartet darauf, durch spezielle Techniken wie Meditation oder Yoga-Praktiken erweckt zu werden, um ihren Weg die Wirbelsäule entlang anzutreten. Dabei sollen eine Reihe von körperlichen und geistigen Reaktionen erfolgen, die teils auch gefährlich sein können, wenn man nicht richtig vorbereitet ist. Erreicht das Kundalini den Kopf, verbindet es sich mit dem Universum, wodurch dem Menschen eine Art von Erleuchtung teilhaft werden soll. Die Kundalini-Kraft kann so als Teil des Kosmos im einzelnen Menschen begriffen werden, wodurch jeder Mensch das Potential erhält, sich, wenn auch noch so kurz, mit dem Ganzen zu vereinen.

Freilich hat man damit das Nirvana noch nicht erreicht, sondern erst einen ersten Schritt getan – wieso sollte man sonst auch in eins der vier weiteren Seminare gehen? Nach Europa kam das Konzept zuerst durch interessierte Engländer, später durch indische Gurus, die bis heute durch die Welt ziehen. Kundalini mit europäischen esoterischen Konzepten zu verbinden, ist keine allzu neue Idee. Im 20. Jahrhundert haben sich die italienischen Esoteriker Tommaso Palamidessi und der bis heute in der rechten Szene sehr bekannte Julius Evola ausgiebig damit beschäftigt; mit dem Ziel Kundalini fruchtbar für die Alchemie zu machen.

Doch zurück zu Peter van Veens Konzept. In seinem aktuellen Buch, der sechsten Auflage von „Der hermetische Weg“ zu 17,80 Euro, das als einziges Buch auf seiner Homepage beworben und verkauft wird, legt er die Grundsteine, die dann aber auf seine Seminare verweisen. Dazu später mehr. Es ist übrigens nicht sein erstes Buch.

Hier eine kleine Bibliographie:

2005: Dein Weg zur neuen Wahrnehmung: Aktiviere 8 Seelenkräfte und entfessele deine Intuition / Dein Weg zum kreativen Traum: Aktiviere die 12 Herzenskräfte und die Inspiration

 2006: Dein Weg zur Wunscherfüllung: Aktiviere die 10 Kräfte des magischen Willens / Die drei Ringe der Kraft nach Peter van Veen

 2008: Der hermetische Weg: Die geheime christliche Methode zur Erweckung der Kundalini-Kraft

 2011: Die Techniken des silbernen Falken: Erfolg – Imagination – Problemlösung – Freiheit / Die Techniken des goldenen Löwen: Kundalini – drittes Auge – Stein der Weisen – Einweihung

Im aktuellen Buch wird der hermetische Weg in fünf Schritte unterteilt:

  1. Erfolg
  2. neue Wahrnehmung
  3. kreativer Traum
  4. Wunscherfüllung
  5. Transformation

Van Veen spricht dem mutmaßlichen Käuferkreis ganz aus der Seele, wenn er betont, dass er „eine Menge Bücher gelesen“ habe, darin aber nicht die letzte Weisheit fand, wie man zu Erfolg im Leben kommt. Erst seine langjährigen Forschungen brachten ihn dann darauf, dass zwei Aspekte besonders wichtig seien: Imagination und die 5 Elemente. Was genau Elemente sind, hat er übrigens mit Hilfe der Lektüre zweier Bücher, eins über chinesische Schwertkampftechniken, eins über „die Psychologie des 4-Farben-Menschen“ erkannt:

„geistige Energien, die durch bestimmte Techniken aktiviert werden können!“

Weiter:

„Aus der Kombination beider Erkenntnisse entstand meine Erfolgsmethode: Sie vermittelt dir fünf aufeinander folgende Techniken, um deine Ziele zu erreichen und deine Wünsche zu erfüllen. Sie sind alle verblüffend einfach, und durch sie werden die fünf geistigen Kräfte „gezündet“. Diese Techniken und das, was sie entfesseln, haben eine enorme Auswirkung auf dein Leben – wenn du sie anwendest.“

Weiter geht es mit neuen Wahrnehmungen, die durch die Aktivierung von „acht Seelenkräften“, die in Verbindung zu den Planeten stehen, evoziert werden sollen. Darunter fällt dann auch die geistige Erneuerung, die einen z. B. aus dem Einfluss anderer Menschen befreit – die Ehefrau wird danken! 13 weitere Techniken erlauben uns das kreative Träumen und stehen in Verbindung zu den Tierkreiszeichen. Halt, sind das nicht 12? Recte, also stellt die 13. Technik „den Kontakt zu deiner Quelle der Inspiration her“.

Es geht weiter mit der „Wunscherfüllung“. Hier verrät uns van Veen wieder mehr über seine Weltanschauung, wenn er von der „zweiten Wirklichkeit“ spricht. Diese sei die „geistige Welt“, die aus zwei unterschiedlichen Teilen bestehen würde: dem Unterbewussten und dem Überbewussten. Offensichtlich scheint die „zweite Wirklichkeit“ in subjektiv-idealistischer Tradition zu stehen, da sie sich um den Menschen herum erstreckt, anders ergibt die der Psychologie entborgten Einteilung in Unter- und Überbewusstes keinen Sinn.

Konkret:

„In diesem Kapitel lernst du die zehn Kräfte des magischen Willens kennen:

– Die sieben Punkte des Geistes. (Es handelt sich um sieben Punkte auf unserem Körper, die nicht mit den sieben klassischen Chakren korrespondieren.)

– Das Symbol der Weisheit, dieses stellt gleichzeitig eine Zahl und eine Figur dar. In Kombination mit den sieben Punkten des Geistes öffnet es das Tor zur zweiten Wirklichkeit.

– Der geistige Helfer. Er ist eine Kraft im Unterbewussten, der dir deine Wünsche erfüllen kann.

– Das geistige Juwel.“

Wenn es aber nun um das eigentliche Ziel der meisten Esoteriker, die Erleuchtung oder „Transformation“, wie van Veen es bezeichnet, geht, schweigt sich van Veen aus. Im Buch wird nur beschrieben, wie toll es denn ist, das „Überbewusstsein“ zu erreichen, doch die Techniken werden erst in seinem Seminar „Erweckung der Kundalini-Kraft“ vermittelt.

Damit wären wir wieder bei der Bedeutung ebenjener. Bei van Veen wird sie nun nicht durch Yoga o. ä. erweckt, sondern durch die „sieben Ringe der Kraft“, die angeblich auf hermetischen Gedanken beruhen sollen. Mir wären solche Kraftringe bisher nicht bekannt, wer etwas weiß, möge das gerne in die Kommentare schreiben. Durch diese Kraftringe und den christlichen Anteil, der nicht näher spezifiziert wird, sei die Erweckung der Kundalini-Kraft nicht so gefahrengeneigt wie bei östlichen Techniken. Jedenfalls nimmt sich van Veen insgesamt 10,5 Stunden an zwei Tagen, um seine maximal 16 Schüler zum Kontakt zum Universum via Wirbelsäule zu führen. Kostenpunkt: 430,00 Euro, ermäßigt 350,00 Euro. Freilich ist auch nun erst der erste Schritt zum neuen, aufgeklärten Wesen gemacht. Weitere 4 Kurse folgen, über die wir auf der Homepage leider nicht en detail informiert werden. Immerhin erfahren wir direkt, dass es teurer wird:

Seminar 2: 570 Euro / 470 Euro ermäßigt

Seminar 3: 570 Euro / 470 Euro ermäßigt

Seminar 4: 730 Euro / 630 Euro ermäßigt

Seminar 5: 830 Euro / 730 Euro ermäßigt

Nach dem fünften Seminar kann man sich für eine Lehrerausbildung bewerben, wie viel die beiden au der Homepage genannten „Lehrer des hermetischen Weges nach Peter van Veen“ bezahlt haben, wissen wir nicht. Aber allein bis zur Lehrerausbildung werden sie 3147,80 Euro investiert haben.
Zurück zum Inhaltlichen: Die Lerninhalte der Kurse umfassen zum Beispiel die „Öffnung des dritten Auges“, den Zugang zur „Akasha-Chronik“, „Aura-Reinigung“ und den „Kontakt zu Lichtwesen“ in Kurs 2. Kurs 3 steht unter der etwas irritierenden Überschrift: „Entdeckung des spirituellen Potenzials“, offensichtlich ist es mit der Kundalini-Kraft doch nicht soweit her. Nun soll die Begegnung mit „vier heilenden Urkräften“, die „Wahrnehmung von geistigen Energien“ und schließlich das „Erkennen der Lebensaufgabe“ erfolgen. Kurs 4 führt aus dem Orient in das Mittelalter und die Frühe Neuzeit in Europa: Es geht nun um die „sieben Schlüssel der Alchemie“, mit denen die „universelle Energie“, die „Manifestationsenergie“, die „Attraktionsenergie“ erschlossen werden soll. Anschließend folgt die Begegnung mit dem „Hüter des Unterbewusstseins“. Etwas, vorsichtig formuliert, wird es dann aber, wenn es um die „Zubereitung des „Steins der Weisen““ anbelangt… Albern ist auch das Stichwort für Seminar 5, die „hermetischen Einweihungen“. Hier zieht van Veen noch einmal alle Register des Synkretismus und spricht in einem Rundumschlag nahezu alle esoterischen Traditionen an.

Der Eindrücklichkeit halber soll er erneut selbst zu Wort kommen:

„In diesem Seminar werden die hermetischen Einweihungen vermittelt. In früheren Kulturen waren Priester für die Durchführung notwendig. Die freigesetzten Kräfte der Techniken aus den vorigen Seminaren machen es dem Schüler der heutigen Zeit möglich, die Einweihungen selbst vorzunehmen. In der Artus-Einweihung wird man mit der Arbeit mit dem »Stein der Weisen« vertraut gemacht: Er verwandelt negative Zustände in positive. Durch die Yoga-Einweihung kommt die Begegnung mit den Basiskräften dieser Welt sowie mit dem Hüter des Überbewusstseins zustande. Die Shaolin-Einweihung bewirkt die Befreiung des Selbst. Durch die Pharaonen-Einweihung wird der Schüler zum Meister des hermetischen Weges. Er lernt den »Baum des Lebens« kennen. Schließlich findet er das »geistige Juwel«: Es ist das, wonach er schon immer gesucht hat. Mit der Energie des Juwels kann er sein Leben völlig neu gestalten und wird dadurch zum Meister des eigenen Weges.

Absolventen des fünften Seminars können die geistige Energie des Steins der Weisen aktivieren, um für sich selbst – oder als spiritueller Berater für einen Klienten – tief greifende Probleme aufzulösen.“

Schön in einer Zeit fortschreitender Differenzierung von Familien ist es, dass die van Veens an einem Strang ziehen: Der Sohn Adriaan, der eine Firma für Webdesign hat, erstellte die Seite seiner Mutter, seines Vaters und dessen Schülers Benji Ihssen (www.benji-ihssen.de). Herr Ihssen hat dabei fast das identische Design, auf dem er seine Dienste bewirbt, die u. a. beinhalten:

„Reinigung der Aura & Chakren

Lösung von Traumata, Burnout oder Stress

Lösung tiefgreifender karmischer Probleme

Transformation negativer Emotionen (Depression, Aggression, Unsicherheit usw.)

Körperliche Beschwerden (Migräne, Rückenschmerzen, Rheuma usw.)

Auflösung von falschen Glaubenssätzen

Zu Liebe und Leichtigkeit finden

Veredlung von Geistigen Qualitäten

Wiedergewinnung der Lebensfreude

Erhellung des Traumbewusstseins

Aktivierung der Intuition (evtl. mehrere Einzelsitzungen)

Finden der Lebensaufgabe (mehrere Einzelsitzungen)“

 

„Der hermetische Weg“ als Idealtypus des esoterischen Weltanschauungsmarktprodukts

Über die Jahre und seine zahlreichen Bücher und mehrere mittlerweile eingestellte Projekte (www.esoterik-universum.de, Peter van Veen-Versandhandel, http://www.esoterik-schmuckwelt.de) hat van Veen offensichtlich ein esoterisches Angebot entwickelt, das durch seine klare Strategie beeindruckt. Mehrere Elemente können hervorgehoben und als typisch für die Branche bezeichnet werden:

  1. Bücher dienen als Einstieg in die „Lehre“, die ganz erst in einer Reihe von – im Preis ansteigenden – Kursen gemeistert werden kann.
  2. Es wird Nachwuchs herangezogen, der die eigene Lehre weiterverbreitet und als hervorragende Werbung dient; damit wird bewiesen, dass die eigene „Marke“ etabliert ist.
  3. Man inszeniert sich als Sucher, setzt sich damit mit dem wahrscheinlichen Kundenkreis gleich und macht diesem ein Angebot: Was ich über viele Jahre und intensives Studium mir erarbeiten musste, kannst Du für 5-mal 1,5 Tage und 3147,80 Euro quasi anstrengungslos bekommen. Und musst nicht mit Durchfällen im indischen Dschungel kampieren, definitiv ein Vorteil!
  4. Geschickt wird betont, dass es sich um eine Synthese aus anderen, schon bekannten Lehren handelt, nur in einer überlegenen Form, die einem im besten Fall das Jahrelange Training erspart.
  5. Die verschiedenen bekannten Lehren, die um eigene Inhalte mit wohl gewählten Titeln ergänzt werden, streuen breit: Hier können sich viele Suchende wiederfinden.
  6. Gemäß des esoterischen Grundsatzes, dass überall Wahrheit zu finden ist, ergibt es auch nur Sinn, sich breit aufzustellen und alle möglichen Traditionen zu vermischen.

Versucht man sich inhaltlich mit den vertretenen Positionen zu beschäftigen, so fällt dies aus zwei Gründen schwer: Für eine intensive Beschäftigung wäre der Besuch der Seminare nötig, noch schwerer wiegt aber, dass der Synkretismus und fast wahllose Aneinanderreihen von „Buzzwords“ darauf schließen lässt, dass hier keine kongruente Weltanschauung geboten wird… und auch nicht geboten werden soll. Damit wären wir wieder bei der Beispielhaftigkeit des „hermetischen Wegs“ für einen Markt, der wirklich ein Stein der Weisen ist.

Honi soit qui mal y pense.

ISIS Operative Salah Abdeslam: A Not so True-Believer Terrorist

Ein interessanter Artikel bzgl. der IS’ler aus dem Westen.

Anne Speckhard, Ph.D.

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Ahmet S. Yayla, Ph.D. & Anne Speckhard, Ph.D.

A key member of the ISIS cell and only survivor of nine cadres who are believed to have been directly involved in the Paris attacks was caught alive this past week through a police operation in Molenbeek, Belgium.

When we look at the past of Abdeslam, we can see that his traits fit closely to other terrorist profiles with the exception of the ideological part of the pattern. Terrorist are usually made from four main elements, one which is a group of dedicated people, second the social support they enjoy; third their ideology; and fourth the individual motivations and vulnerabilities that resonate to the first three. Although in actual practice not all of these elements are always present. From time to time we see a lone actor who creates his own ideology and manages to equip and carry out his terrorist act(s)…

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Gangsta’s Paradise

Im Nahen Osten kann man aktuell in einer Art und Weise beobachten, was eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ ist, wie es sich der Schöpfer des Phänomens – Ernst Bloch – wohl nicht hätte vorstellen können. Nationalstaaten zerbrechen, zig Fraktionen bekämpfen sich gegenseitig in Scharmützeln, zig Nationen werfen Bomben über dem ganzen Chaos ab, und eine fundamentalistische Gruppe, die sich nach dem Ende der Welt sehnt, tritt mit dem Anspruch auf Weltherrschaft auf – und versucht die Zeit zurück auf 622 nach Christus zurück zu drehen, freilich auf Jeeps und nicht mehr Kamelen.
Ohne Zweifel: Daesh (vulgo IS vulgo ISIS) ist ein Phänomen, das einen wundern lässt. Noch Ende der 1990er Jahre hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass es einer Gruppe, die Menschen bei geringen Vergehen auspeitscht, die Dieben die Hände abschneidet, ganz offiziell und unverblümt die Sklaverei wieder einführt, Menschen aus den nichtigsten Gründen tötet, sei es durch Verbrennung, Köpfung oder Kreuzigung, und derlei Dinge mehr tut, gelingen würde, ein ganzes Staatsgebiet im Nahen Osten zusammen zu erobern. Noch weniger hätte man vermutlich geglaubt, dass dies für eine große Zahl von westeuropäischen Muslimen – unabhängig von ihrer Herkunft – außerordentlich attraktiv sein würde. Jeden Monat kommen ungefähr 1000 von ihnen im archaischen Staat des Daesh an.
Schaut man sich an, wer das bequeme Westeuropa verlässt, um in diesem Hexenkessel mitzumischen, dann erkennt man schnell, dass Daesh neben fundamentalistischen Muslimen auch eine ganze Reihe von Klein- bis Schwerkriminellen anzieht, deren Kenntnis des Islams meist nur sehr rudimentär ist. Bekannte Beispiele dafür sind der Kopf hinter den letzten Anschlägen in Paris – Abdelhamid Abaaoud – oder der Deutsche Denis Cuspert alias Deso Dogg alias Abu Talha al-Almani.

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Cuspert war bereits als Jugendlicher in Gangs aktiv und reüssierte später als „Gangsta-Rapper“, die beiden Bilder von ihm verwendete er, um sich auf seinen Alben auch optisch so darzustellen. Nach dem ausbleibenden Durchbruch fand er Eingang in die Salafisten-Szene und von dort seinen Weg nach Syrien, wo er noch lebt oder aber durch einen Luftangriff umgekommen ist. Dass die beiden keine Ausnahme sind, zeigen verschiedene Studien. Robin Simcox hat festgestellt, dass von den 58 untersuchten Daesh-Anhängern, die 2014/2015 Terroranschläge in Europa und den USA begangen haben, 22 % eine kriminelle Vergangenheit hinter sich hatten.
Bereits einer der Gründer des IS, Abu Musab al-Zarqawi, war in seinen jungen Jahren in Zarqa ein Berufskrimineller. Er trank wohl heftig, prügelte sich, raubte Leute aus – wobei wohl mindestens eine Person gestorben ist –, verließ die Schule vorzeitig und arbeitete ggf. auch als Zuhälter. 1989 ging er nach Afghanistan und scheint erst dort zum Islam gefunden zu haben. Zurück in Jordanien versuchte er sich in stümperhaften Terroraktionen, die ihn von 1993 bis 1999 ins Gefängnis brachten. Dort inszenierte er sich sehr erfolgreich zum islamischen Glaubensführer, zum „Emir“. Sein weiterer Weg war der des Terroristen, bewusst oder unbewusst aber hat er den Grundstein für dieses soziale Gebilde gelegt, das heute ungemein erfolgreich für Gangster ist.
Sei es in Südamerika, wo die Söhne des Drogenbarons „El Chapo“ offen mit ihren vergoldeten Waffen, Frauen und Autos angeben, den USA, die den Gangsta-Rap ursprünglich hervorgebracht haben, oder Europa, wo ihn Menschen wie Denis Cuspert eifrig rezipieren: Immer geht es um Geld, Autos, Frauen sowie Waffen und Gewalt. Alles Dinge, die der IS seinen Anhängern dezidiert bietet. Dies lässt sich besonders deutlich an den Kommentaren von verschiedenen IS-Aussteigern ablesen, die Anne Speckhard und Ahmet S. Yayla in der Türkei aufgezeichnet haben. Überhaupt ist Speckhards Blog sehr zu empfehlen, wenn man sich für ISIS interessiert.
Daesh stattet seine Kämpfer mit Bargeld aus: 200 Dollar scheinen die reguläre Bezahlung pro Monat zu sein, womit man aktuell im Syrien wohl zu den Gutverdienenden zählt, zusätzlich gibt es Boni für erfolgreich abgeschlossene Missionen. Ein zusätzlicher Faktor ist, dass man Geschäfte jedweder Art wohl nur machen darf, wenn man zum IS dazu gehört. Folglich ist es kein Wunder, dass sich vor Ort viele dem IS anschließen, meist aber nicht, um reich zu werden, sondern um ein geregeltes Sexleben zu haben, also zu heiraten. Damit macht Daesh gezielt Werbung, wie ein IS-Aussteiger berichtet:

„The IS guys speak with the youth about what they are doing to build an Islamic state. They tell them, ‘If you want to work we can help you and give you money. You can be married. We are the true Islam. We guarantee you. We are brothers, no problem.‘“

Dies zieht wohl viele arme Menschen aus islamischen Ländern wie der Türkei oder Tunesien an. Dem Zufall wird nichts überlassen: Eigene Eheanbahnungsinstitute des IS sind dafür zuständig, Frauen und Männer zu vermitteln. Diese Institute haben auch den Vorteil, dass so der grundsätzliche Frauenmangel optimal verwaltet werden kann. Frauen sind als Grund zum IS zu gehen so wichtig, dass der IS bemüht ist, Witwen schnell wieder für eine neue Ehe verfügbar zu machen. Mehr als 40 Tage sollte es bis zur Wiederverheiratung nicht dauern.
Den Muslimen, die aus dem Westen kommen, muss freilich mehr geboten werden: Neben der Heiratsmöglichkeit und dem monatlichen Gehalt erhalten diese oft auch Wohnungen, Autos und auch Sklavinnen („Sabiyya“), die ausdrücklich ihrer sexuellen Befriedigung dienen sollen. Die Sklavinnen sind wohl nicht nur Christinnen und Jesidinnen, sondern auch muslimische Frauen von feindlichen Gruppen. Auch hier ist alles ordentlich geregelt: Erworben werden können die Sklavinnen, die mindestens 1000 Dollar und höchstens 3000 Dollar kosten dürfen, in speziellen Einrichtungen, der Wiederverkauf ist ausdrücklich nur an andere IS-Kämpfer erlaubt. Offenkundig ein Vorgeschmack auf die Jungfrauen im Paradies, die zusätzlich versprochen werden. Hier zeigt sich exemplarische eine der Stärken des IS, der seinen Anhängern zwar Dinge für das Nachleben verspricht, den ganz weltlichen Trieben seiner Anhänger aber bereits heute Rechnung trägt.
Während man zwar auf Alkohol verzichten muss, scheinen andere Drogen weniger ein Problem zu sein. Mehrere der Informanten berichten von verschiedenen Drogen, die im Umlauf sind und besonders Kämpfern gegeben werden. Vermutlich handelt es sich dabei um Amphetamine, die die körperliche Leistungsfähigkeit steigern und Angstgefühle etc. reduzieren.
Verbunden wird all das mit dem Gefühl, auf der Seite der Wahrheit zu stehen, im Recht zu sein, wodurch jegliche Gewaltanwendung rechtfertigt wird. Wofür man in seiner Heimat vielleicht noch ein schlechtes Gewissen haben musste, kann man nun ausleben in der vollen Überzeugung, den Willen Gottes zu tun.
So betrachtet handelt es sich im „islamischen Staat“ um ein Gangsta’s Paradise: Gemeinschaft, Sex, Autos, Geld, Gewalt – und noch dazu Gottes Segen.

Das macht es indes für einen Weltanschauungstouristen ein bisschen schwierig, von welchen Ideen will man da groß berichten?

Einleitende Gedanken

Weltanschauung gehört zu diesen sympathischen Wörtern, die aus verschiedenen bekannten Begriffen zusammengesetzt sind – und so ein intuitives Verständnis ihrer Bedeutung vermitteln. Weltanschauung, also die Anschauung über die Welt, moderner ausgedrückt: die Ansicht darüber, wie die Welt beschaffen ist. So verstanden bietet die Weltanschauung einen Rahmen, in den sich die verschiedenen immerzu verwirrenden Ereignisse der Weltgeschichte (noch so ein Wort), die Gedanken und Handlungen von Kollektiven und Individuen sinnvoll einordnen lassen.
Weiß ich, dass der Industrielle von dem Drang beseelt ist, den Proletarier klein zu halten, dann wird mir der Sinn hinter der Handlung „Alfred Krupp richtet Krankenversicherung und Werkswohnungen für seine Arbeiter ein“ sofort klar: Hier werden den Arbeitern Wohltaten gewährt, damit sie sich nicht weiter um den grundsätzlich verbrecherischen Charakter des bestehenden Systems kümmern, sie werden abgespeist.
Wissenschaftlich formuliert: Weltanschauung ist, so Stefan Breuer, „ein gestuftes Gebilde, in dem sich objektive Aussagen über das Ganze der Welt, seine Ordnung und seinen Sinn mit subjektiven praktischen Stellungnahmen verbinden.“ Wir werden auf diese Definition immer mal wieder zurückkommen. Fürs Erste sind zwei Elemente wichtig und festzuhalten:

  1. Weltanschauungen bieten dem individuellen Denker ein Set von Ist-Aussagen über die Welt in Gänze.
  2. Direkt oder indirekt abgeleitet aus diesen allgemeinen Aussagen werden Gedanken, Äußerungen und Handlungen auf einer konkreteren Ebene.

Beide Elemente stehen im Verhältnis: Während die Aussagen aus 1 den Gedanken und Taten aus 2 überhaupt erst Seriosität und einen Sinnzusammenhang verleihen, erhält die Weltanschauung ihre Lebendigkeit, ihren Sitz im Leben erst durch die alltäglichen Bemühungen ihrer Anhänger. Natürlich gibt es eine Unschärfe zwischen beiden Elementen: Ableitungen mögen abstrus sein, aber dennoch vertreten werden; unterschiedliche Sekten innerhalb einer Weltanschauung mögen konkurrierende Verstandes- und Handlungsgebote bieten; schließlich darf die Idiosynkrasie des Menschen nie für zu gering veranschlagt werden. Möchte man also mehr von der Weltanschauung sehen als der Ballermann von Mallorca, dann darf man sich nicht nur in einer Straße rumtreiben, sondern muss die Tiefen und Höhen der einzelnen Weltanschauung erkunden. Eine andere Einschränkung: Hans mag die Berge, Renate das Meer, ihre Kinder die Großstadt. Was wem gefällt, sagt erst einmal nichts über die Qualität des Urlaubszieles aus. Mit den Weltanschauungen ist es ähnlich. Manche findet man sympathisch, andere bescheuert. Beschäftigen wollen wir uns unvoreingenommen damit; und eben wie ein Reiseführer jedem Touristen das bieten, was ihn nun einmal interessiert oder besser: interessieren könnte.
Der österreichische Philosoph Wilhelm Dilthey hat 1911 den Versuch gemacht, Weltanschauungen zu klassifizieren und systematisieren. Als Ergebnis seiner Schrift „Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den metaphysischen Systemen“ stand die Erkenntnis, dass es eigentlich nur drei Typen von Weltanschauungen gebe: den Naturalismus, den Idealismus der Freiheit und den Objektiven Idealismus. Dilthey ging noch weiter: Er verstand die ganze Geistesgeschichte seit der Antike als einen Kampf dieser Weltanschauungen. Freilich bekriegten sich in dieser Vorstellung nicht die jeweils reinen Lehren, sondern spezifische – durch Raum und Zeit geprägte – Geistesrichtungen. In gewisser Weise hat er damit der Diskurstheorie vorgegriffen: Bei der Lektüre nicht weniger diskurstheoretischer Schriften erhält man den Eindruck, der einzelne Denker sei nicht mehr als ein Zombie, der – von einem Diskurs-Loa ergriffen – im freien Raum schwebende Gedanken durch Bewegung der Stimmbänder in den Bereich der menschlichen Kommunikation bannt.
Es sei hier zugegeben: Ihr Reiseberater in Sachen Weltanschauungstourismus wäre intellektuell überfordert, müsste er die „Queer Theory“, die Anthroposophie, den Salafismus oder die Gedanken des NSU in Diltheys alt-ehrwürdige Kategorien auf befriedigende Art und Weise einsortieren. Allein, irgendeine Form der Systematik ist nötig, soll mehr geboten werden als nur ein bunt-chaotisches Bild vom menschlichen Geistesgewühl. Drei Großtypen zu bestimmen, scheint vermessen, ja überhaupt eine Gruppenbildung von Schubladen unmöglich, in die sich dann ohne Quetschen die einzelnen Weltanschauungen einordnen lassen. Deshalb soll der Versuch unternommen werden, jeder Weltanschauung eine kurze Bewertung bzw. Einordnung angedeihen zu lassen. Angelehnt an die zwei-achsige Einteilung der deutschen Rechten bei Stefan Breuer, soll – so möglich und individuell passend – für jede Weltanschauung ein Punkt auf jeder von fünf Achsen (näherungsweise) bestimmt werden.

Weiterlesen „Einleitende Gedanken“